{"id":26405,"date":"2026-08-15T20:15:00","date_gmt":"2026-08-15T18:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/?p=26405"},"modified":"2026-08-15T18:56:35","modified_gmt":"2026-08-15T16:56:35","slug":"pulsuhren-res-publica","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/2026\/08\/15\/pulsuhren-res-publica\/","title":{"rendered":"Wenn die Pulsuhren gegen die Res Publica laufen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein Gedankengang \u00fcber verschobene Priorit\u00e4ten, simulierte Inklusion, lebensbestimmende Pulsuhren, bequemen Event-<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hedonismus\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hedonismus\" rel=\"noreferrer noopener\">Hedonismus<\/a> und das leise Sterben des Sozialstaats und der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Republik\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Republik\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Res Publica<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mich treibt dieser Gedanke schon seit geraumer Zeit um, doch erst nach einem lauen Sommerabend Ende Juli fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Manchmal braucht es keinen theoretischen Vortrag, um den Zustand einer Gesellschaft zu verstehen \u2013 manchmal reicht ein einfacher Blick auf zwei Termine im selben Monat und in derselben Stadt. Die Stadt: Heilbronn am Neckar. Es kann wahrscheinlich auch irgendeine andere sein.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Der-unbequeme-Ernstfall.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Der-unbequeme-Ernstfall.png\" alt=\"Die Demo gegen soziale Einschnitte \u2013 Der unbequeme Ernstfall\" class=\"wp-image-26432\" srcset=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Der-unbequeme-Ernstfall.png 1024w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Der-unbequeme-Ernstfall-150x150.png 150w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Der-unbequeme-Ernstfall-300x300.png 300w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Der-unbequeme-Ernstfall-768x768.png 768w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Der-unbequeme-Ernstfall-60x60.png 60w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Der-unbequeme-Ernstfall-200x200.png 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:5px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Bild 1: Das ausgebliebene Momentum<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am <a href=\"https:\/\/bawue.verdi.de\/++co++82264a80-5d78-11f1-bf8f-aba5ac188c1b\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/bawue.verdi.de\/++co++82264a80-5d78-11f1-bf8f-aba5ac188c1b\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">7. Juli<\/a>. Auf den Stra\u00dfen Heilbronns versammeln sich Menschen zu einer <strong>Demonstration<\/strong>. Es geht um nichts Geringeres als die j\u00fcngsten, massiven <strong>Reformpl\u00e4ne der Bundesregierung<\/strong>. Einschnitte, die am Fundament des deutschen Sozialstaats r\u00fctteln und das soziale Sicherungsversprechen f\u00fcr Millionen Menschen gef\u00e4hrden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor Ort sind vielleicht 200, wenn man gro\u00dfz\u00fcgig sch\u00e4tzt, 250 Menschen. Ein H\u00e4uflein Pflichtbewusster, verloren auf weitem Asphalt. Eine Randnotiz im Alltag der Stadt. Von Passanten schr\u00e4g be\u00e4ugt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">11 Tage sp\u00e4ter, in Stuttgart, sah es etwas besser aus.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Das-Fest-der-Selbstoptimierung.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1672\" height=\"941\" src=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Das-Fest-der-Selbstoptimierung.png\" alt=\"Der Firmenlauf \u2013 Das Fest der Selbstoptimierung\" class=\"wp-image-26435\" srcset=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Das-Fest-der-Selbstoptimierung.png 1672w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Das-Fest-der-Selbstoptimierung-300x169.png 300w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Das-Fest-der-Selbstoptimierung-768x432.png 768w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Das-Fest-der-Selbstoptimierung-1536x864.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1672px) 100vw, 1672px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:5px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Bild 2: Das Fest der Selbstoptimierung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am <a href=\"https:\/\/www.stimme.de\/heilbronn\/stadt-heilbronn\/firmenlauf-event-veranstaltung-teilnehmer-sport-start-ziel-liveblog-art-5198826\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.stimme.de\/heilbronn\/stadt-heilbronn\/firmenlauf-event-veranstaltung-teilnehmer-sport-start-ziel-liveblog-art-5198826\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">30. Juli<\/a>. Wieder sind die Stra\u00dfen voll \u2013 diesmal aber im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist <strong>Firmenlauf<\/strong>. Rund 8.000 L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer schn\u00fcren ihre Schuhe f\u00fcr die 6,1 Kilometer lange Strecke. Am Rand klatschen, jubeln und feiern sch\u00e4tzungsweise 15.000 Zuschauer. Es gibt Partymusik, Bratwurst, Bier und beste Laune.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und die Stadt? Sie versinkt f\u00fcr Stunden im Verkehrschaos. Zentrale Ausfallstra\u00dfen sind dicht, Zufahrten abgeriegelt. Tausende Pendler m\u00fcssen nach einem langen Arbeitstag erhebliche Umwege in Kauf nehmen, um \u00fcberhaupt nach Hause zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch das Erstaunliche: Es gibt keinen medialen Aufschrei. Niemand schimpft \u00fcber \u201er\u00fccksichtslose N\u00f6tigung\u201c. Wenn der Feierabend-Hedonismus ruft, werden Blockaden und Staus mit einem verst\u00e4ndnisvollen L\u00e4cheln toleriert. Wehe jedoch, dieselben Stra\u00dfen w\u00fcrden von B\u00fcrgern blockiert, die f\u00fcr den Erhalt ihrer Rente oder Pflegeversorgung demonstrieren \u2013 der gesellschaftliche Zorn w\u00e4re sicherlich grenzenlos.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Mathematik dahinter: 23.000 zu 250<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lassen wir diese Zahlen kurz sacken. <strong>23.000 Menschen<\/strong> mobilisieren sich m\u00fchelos f\u00fcr Feierabend-Sport, Networking und Event-Atmosph\u00e4re. Nicht einmal <strong>300 Menschen<\/strong> finden die Zeit und die Energie, wenn es um ihre eigene existenzielle Zukunft und den sozialen Zusammenhalt geht. Die Gemeinschaft. Habe ich es schon <em>Res Publica<\/em> genannt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist ein Verh\u00e4ltnis von fast <strong>100 zu 1<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kann das als harmlose Freizeitgestaltung abtun. Man kann sagen: <em>\u201eSport verbindet eben mehr als Politik.\u201c<\/em> Doch wer so denkt, verkennt das Symptom einer tief sitzenden gesellschaftlichen Pathologie. Diese Diskrepanz ist kein Zufall \u2013 sie ist das Sinnbild eines Landes, das seine Priorit\u00e4ten grundlegend verschoben hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, ich m\u00f6chte <strong>niemandem<\/strong> den Spa\u00df verderben. Spa\u00df ist wichtig und gesundheitsf\u00f6rderlich. Aber &#8230; es gibt immer ein aber &#8230; <em>Res Publica!<\/em> &#8230; ich lass es mal zwischen den Zeilen resonieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schuld daf\u00fcr liegt allerdings keineswegs allein bei den B\u00fcrgern. Die Politik selbst tr\u00e4gt eine erhebliche Mitverantwortung f\u00fcr diesen Zustand. Durch technokratisches Regieren, das Sch\u00fcren von <a href=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/2026\/02\/13\/links-rechts\/#Introspektion\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/2026\/02\/13\/links-rechts\/#Introspektion\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Spaltungslinien<\/a> und eine Kultur, in der fundamentale Einschnitte oft ger\u00e4uschlos durchgeboxt werden, hat sie den Glauben an die echte Gestaltungskraft der <em>Res Publica<\/em> systematisch ausgeh\u00f6hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo das Gef\u00fchl vorherrscht, dass die Stimme auf der Stra\u00dfe nichts mehr bewirkt, wird die politische Apathie zum Selbstschutz. Die Flucht in den unpolitischen Hedonismus ist somit nicht nur Bequemlichkeit. Sie ist auch die Folge eines politischen Systems, das seine B\u00fcrger lieber als brave, funktionierende Leistungstr\u00e4ger sieht denn als streitbare Souver\u00e4ne.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Drei\u00dfig Jahre R\u00fcckzug \u2013 Res Privata und nix Res Publica<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Blickt man zur\u00fcck auf die Entwicklung seit den 1990er-Jahren. Innerhalb der Spanne eines halben Menschenlebens. Dann l\u00e4sst sich eine schleichende, radikale Transformation beobachten: Deutschland hat sich zu einem Modellland f\u00fcr einen ma\u00dflosen, kurzatmigen Hedonismus entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das einstige Versprechen der Solidargemeinschaft: \u201e<em>Wir stehen f\u00fcreinander ein, wenn das Leben hart wird\u201c<\/em> wurde Schritt f\u00fcr Schritt ersetzt durch das Diktat der permanenten Gegenwart. In der Philosophie nennt man das <strong>Pr\u00e4sentismus<\/strong>: Eine Kultur, die weder aus der Vergangenheit lernt noch Verantwortung f\u00fcr das Morgen \u00fcbernimmt, sondern in einer Dauerschleife des unmittelbaren Erlebens feststeckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der B\u00fcrger begreift sich immer seltener als politisches Wesen (<em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zoon_politikon\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zoon_politikon\" rel=\"noreferrer noopener\">Zoon politikon<\/a><\/em>), das seine Rechte und sein Gemeinwesen aktiv verteidigen muss. Er versteht sich prim\u00e4r als Konsument seiner eigenen Biografie und als Selbstunternehmer.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Die politische Demonstration<\/strong> ist anstrengend. Sie konfrontiert mit Zukunfts\u00e4ngsten, Systemkonflikten und Ohnmacht. Sie liefert kein schnelles Dopamin und keine Medaille im Ziel. <em>Res Publica<\/em> ist nur ein komisches Fremdwort.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Der Firmenlauf<\/strong> hingegen bietet die perfekte Wohlf\u00fchl-Illusion: Gesundheit, Team-Spirit, Geselligkeit und das Siegel individueller Leistungsf\u00e4higkeit \u2013 v\u00f6llig frei von politischem Risiko.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist das <em>Brot und Zirkusspiele<\/em> der Sp\u00e4tmoderne: Wir laufen im schicken Funktionsshirt durch die Innenstadt und feiern den Status quo, w\u00e4hrend im Hintergrund das gesellschaftliche Fundament wegbr\u00f6ckelt. Dahinter steht die fatale, naive Lebensl\u00fcge: <em>\u201eSolange ich fit bleibe, funktioniere und Karriere mache, wird es mich schon nicht treffen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Laufen, bis der Boden nachgibt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Form des kurzfristigen Denkens ist nicht pragmatisch. Vielleicht sogar blindw\u00fctig. Ein Sozialstaat stirbt nicht \u00fcber Nacht durch ein einzelnes Gesetz. Er stirbt an der chronischen Gleichg\u00fcltigkeit einer Gesellschaft, die das kollektive Einstehen verlernt hat, weil sie mit Feiern und Laufen besch\u00e4ftigt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht rei\u00dft diese Gleichg\u00fcltigkeit gleich den Rechtsstaat mit sich?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn die Netze der sozialen Sicherung erst einmal zerschnitten sind, wird kein privater Vorsorgevertrag und keine sportliche Fitness diesen Absturz abfedern. Doch bis diese Einsicht schmerzt, l\u00e4uft die Menge weiter. Bestens gelaunt, perfekt synchronisiert und mit dem Blick starr auf die eigene Pulsuhr gerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo fr\u00fcher die <em>Res Publica<\/em> stand, regiert heute nicht einmal mehr die schlichte <em>Res Privata<\/em> \u2013 sondern die digitale <strong><em>Res Egotica<\/em><\/strong>, in der jeder Kilometer erst dann existiert, wenn er auf diesen Plattformen mit Likes vergoldet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Gesellschaft_der_Singularit%C3%A4ten\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Gesellschaft_der_Singularit%C3%A4ten\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>\u201eDie Gesellschaft der Singularit\u00e4ten\u201c<\/em> beschreibt Reckwitz<\/a>, wie das sp\u00e4tmoderne Subjekt st\u00e4ndig darum bem\u00fcht ist, das eigene Leben als <strong>einzigartiges Kunstwerk zu performen<\/strong>. Eine Wanderung oder ein Lauf ist kein Naturerlebnis mehr, sondern ein erbrachtes \u201eLeistungsprodukt\u201c, das auf Komoot, AllTrails, Runalyze oder Strava hochgeladen werden muss, um soziale Anerkennung zu generieren.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Kr\u00f6nung des Zynismus: Simulierte Inklusion als Party-Kulisse<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer glaubt, das sei schon die ganze Trag\u00f6die, muss sich nur das offizielle Leitbild (Mottos) eines solchen Events durchlesen. Dort wird ungeniert mit genau jenen Werten geworben, die man politisch zeitgleich vor die Hunde gehen l\u00e4sst:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ist die Rede von \u201eWir-Gef\u00fchl\u201c, von \u201esozialem Zusammenhalt\u201c und \u2013 man h\u00f6re und staune \u2013 von \u201eInklusion und Vielfalt\u201c. Unter dem olympischen Motto <em>\u201eDabei sein ist alles\u201c<\/em> wird suggeriert: Hier ist jeder willkommen, ob sportlich oder Freizeit-Walker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu garniert man das Ganze mit einem Hauch \u201eNachhaltigkeit\u201c im Wertwiesenpark und einer ausgelassenen After-Run-Party im Frankenstadion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier offenbart sich die absolute Scheinheiligkeit unserer Gegenwart:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>W\u00e4hrend die Bundesregierung Reformen beschlie\u00dft, die insbesondere Menschen mit k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungen und chronischen Einschr\u00e4nkungen die reale Existenzsicherung und Teilhabe beschneiden, feiert sich die mobile Mitte f\u00fcr ihre simulierte \u201eInklusion\u201c im 4er-Team.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Echte Solidarit\u00e4t w\u00fcrde bedeuten, f\u00fcr diejenigen auf die Stra\u00dfe zu gehen, die nicht \u00fcber den Asphalt joggen k\u00f6nnen und die durch die Zerschlagung sozialer Sicherungsnetze ins Bodenlose st\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die Sp\u00e4tmoderne hat einen bequemeren Weg gefunden: Man ersetzt echte politische Verantwortung durch moralisch aufgeladenes Event-Marketing. Wir feiern \u201eVielfalt\u201c, solange sie in Sportschuhen daherkommt und das Bier danach kalt bereitsteht. Oder wir feiern \u201eBunte-Vielfalt-Partys\u201c, wenn sie von oben geduldet und in ebenso scheinheiliger Doppelmoral mitgetragen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die wirklich Schwachen aber bleiben am Ende nur zweihundert Demonstranten \u2013 und das betretene Schweigen einer durchoptimierten Mehrheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, ich wei\u00df: F\u00fcr die <em>Res Privata<\/em> l\u00e4uft es sich eben schmerzfreier als f\u00fcr die <em>Res Publica<\/em>. Man eckt weder beim jetzigen noch beim potenziellen Chef an. Dabei sollte jedem weitsichtigen Arbeitgeber klar sein, dass sein eigener Erfolg auf dem Fundament einer funktionierenden <em>Res Publica<\/em> ruht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ja: Das hier ist mein pers\u00f6nlicher Standpunkt. Eine Perspektive unter vielen \u2013 aber eine, die aufdr\u00f6seln will, was hinter den Kulissen unserer Wohlf\u00fchl-Events eigentlich passiert. Ich m\u00f6chte niemanden und nichts direkt verurteilen. Steht mir nicht zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich m\u00f6chte nicht, dass keine mehr zu einem Firmenlauf geht. Oder das es keine Firmenl\u00e4ufe mehr geben darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir k\u00f6nnen uns dar\u00fcber gerne bei ein paar Feierabendbieren oder Kr\u00e4utertees die K\u00f6pfe hei\u00dfreden. Ganz wie in alten Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und jetzt alle: <em><strong>Res Publica! Res Publica! Res Publica!<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Diskurs-scaled.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2048\" height=\"1152\" src=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Diskurs-2048x1152.png\" alt=\"Offener Diskurs wie fr\u00fcher, ohne Aufteilung in rechts oder links\" class=\"wp-image-26438\" srcset=\"https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Diskurs-2048x1152.png 2048w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Diskurs-300x169.png 300w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Diskurs-768x432.png 768w, https:\/\/schubladenerinnerungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Diskurs-1536x864.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:75px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">H\u00e4tte ich eine Pulsuhr getragen, h\u00e4tte sie beim Schreiben \u2013 genau wie mein Gem\u00fctszustand \u2013 schlichtweg kapituliert. Das entspricht ab jetzt wohl auch erneut meiner Motivation: <strong>dem R\u00fcckzug in einen isolierten, privaten Hedonismus.<\/strong> Ich bin als leicht misanthropisch und introvertiert veranlagter Mensch sowieso eher schwer zu mobilisieren. Und um sich eine absolute Meinung anma\u00dfen zu k\u00f6nnen, wei\u00df ich \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge da drau\u00dfen schlicht noch zu wenig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder wie wir fr\u00fcher \u201eparoliert\u201c haben: <strong>Piss die Wand an! Ich bin raus.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:75px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gedankengang \u00fcber verschobene Priorit\u00e4ten, simulierte Inklusion, lebensbestimmende Pulsuhren, bequemen Event-Hedonismus und das leise Sterben des Sozialstaats und der Res Publica. 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