Der Worthülsen-Baron auf dem Weg zum Mars

Das kleine Wörterbuch der Worthülsen

In Reden, Talkshows oder Pressemitteilungen begegnet man ihnen ständig: wohlklingende Floskeln, die wie sachliche Lösungsvorschläge wirken, bei genauerem Hinsehen aber eher als Nebelkerzen – sprich: Worthülsen – entlarvt werden könnten.

Von vielen werden sie dennoch als angenehme und schöne Sprache empfunden – und damit automatisch als ehrlich und wahr wahrgenommen. Auch durch stetige Wiederholung(en).

Willkommen beim „Geschäft mit der Sprache“ – meinem ironisch-satirischen Blick auf Formulierungen, die viel sagen, ohne wirklich etwas zu sagen und was ganz anderes meinen.

Hier nun ein Versuch: Was gesagt wird – und was es eigentlich bedeuten könnte. Aus meiner Erinnerung und durch viel Erfahrung als Propagandist … äh … Worthülsen-Minister … äh … Fachkraft für Marketing und Werbung.


Strukturelle Anpassung

Klingt nach: Verwaltungsakt, ganz sachlich, ganz logisch.
Heißt oft: Sparmaßnahmen. Kürzungen. Belastungen – vorzugsweise für Menschen ohne Lobby.


Solidarbeitrag

Klingt nach: Wir halten alle zusammen!
Heißt oft: Einseitige Zusatzkosten für die Mittelschicht – verkauft als moralische Pflicht.


Transformation gestalten

Klingt nach: Fortschritt, Verantwortung, Zukunft.
Heißt oft: Niemand weiß, wie’s laufen wird, aber ihr werdet’s schon irgendwie stemmen müssen.


Entbürokratisierung

Klingt nach: Weniger Papierkram für alle!
Heißt oft: Erleichterungen für Unternehmen – während der Antrag für Wohngeld noch immer 16 Seiten hat.


Systemrelevante Bereiche stärken

Klingt nach: Respekt für Pflege, Gesundheit, Bildung.
Heißt oft: Applaus. Vielleicht eine Einmalzahlung. Dann wieder Alltag mit Überstunden und Personalmangel.


Zukunftsfähigkeit sichern

Klingt nach: Verantwortung für kommende Generationen.
Heißt oft: Heute kürzen, streichen, privatisieren – morgen hoffen, dass’s nicht auffällt.


Politische Verantwortung übernehmen

Klingt nach: Einsicht, Rücktritt, Konsequenz.
Heißt oft: Pressekonferenz mit Bedauern – und dann weiter im Amt oder Versetzung.


Wirtschaftlicher Pragmatismus

Klingt nach: Sachlichkeit statt Ideologie.
Heißt oft: Markt regelt. Sozialstaat wackelt. Hauptsache, es steht irgendwo „Wachstum“.


Reformpaket

Klingt nach: Fortschritt, dringend notwendig, zum Wohle aller.
Heißt oft: Leistungskürzungen im schicken Design. Der Gürtel wird enger – aber immer nur bei den anderen.


Dialog auf Augenhöhe

Klingt nach: Wir reden miteinander, nicht übereinander.
Heißt oft: Wir hören zu, aber entscheiden trotzdem allein. Höfliches Abwarten mit Mikrofon.


Maßnahmenbündel

Klingt nach: Durchdachter, vielschichtiger Plan.
Heißt oft: Keine klare Linie, aber viele Formulierungen, die vage genug sind, um alles und nichts zu meinen.


Entlastung für die Mitte der Gesellschaft

Klingt nach: Endlich denkt mal jemand an uns.
Heißt oft: Oben sparen Steuern, unten kriegen Brosamen, und die Mitte bleibt… wo sie ist.


Demokratie stärken

Klingt nach: Transparenz, Mitbestimmung, Partizipation.
Heißt oft: Neue Gesetze ohne Debatte durchs Parlament gejagt. Hauptsache, die PR stimmt.


Temporäre Sonderregelung

Klingt nach: Nur kurz, nur ausnahmsweise!
Heißt oft: Dauerschleife. Was dieses „vorübergehend“ heißt, weiß man spätestens seit Hartz IV.


Digitalisierung vorantreiben

Klingt nach: Deutschland wird modern!
Heißt oft: Faxgerät mit WLAN. Oder ein neues Portal, für das man einen PIN-Brief per Post beantragen muss. Oder: Wir schreiben Fax jetzt mit drei „x“.


Bildungsoffensive

Klingt nach: Aufbruch für Schulen, Lehrkräfte, Schüler:innen.
Heißt oft: Eine neue Broschüre. Vielleicht ein Pilotprojekt. Danach Stillstand.


Öffentlicher Diskurs

Klingt nach: Debattenkultur, Meinungsvielfalt, demokratischer Austausch.
Heißt oft: Twitter-Shitstorms, Talkshow-Dauerbrenner und Statements mit Floskelschutz.


Der Reichstag steht

Die Redner rufen: Wir haben ihn errichtet!
Arbeiter ohne Lobby: Der Maurer hat keinen Anzug, der Redner keinen Muskelkater.


„Wir“ müssen hart dran arbeiten, um die deutsche Wirtschaft zu stärken.

Redner: „…schauen Sie mal in alle Länder um uns herum, die Schweiz 200 Stunden mehr im Jahr als wir, da kann man von sozialer Verelendung doch wohl nicht sprechen. Wir werden uns alle ein bisschen mehr anstrengen müssen, wir werden alle mehr arbeiten müssen … alles, was wir an Steuersenkungen für die deutsche Wirtschaft in Aussicht stellen, ist für die deutsche Wirtschaft notwendig, dringend notwendig, überfällig. Aber das, meine Damen und Herren, muss erarbeitet werden, das müssen wir gemeinsam in Deutschland erarbeiten.“
Bedeutung: Rente mit 72, 10-Stunden-Arbeitstag bei mindestens gleichem Lohn, noch mehr Überstunden (diese sind ja teilweise bald steuerfrei), Streichung von 2 Feiertagen, Streichung von Sozialleistungen … dieses unsägliche „Wir“ meint „ihr“. Worthülsen-Checker.

Die abgefeuerte Worthülse

Es gibt bestimmt noch sehr viel mer Worthülsen, oder? Dann her damit!


Praktische Worthülsen-Aufklärung

Der Zauberberg – Thomas Mann

Farm der Tiere – Georg Orwell

Fabian. Die Geschichte eines Moralisten – Erich Kästner

Gesang zwischen den Stühlen – Erich Kästner

Leben des Galilei – Bertolt Brecht

Baron Münchhausen oder Till Eulenspiegel oder …

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