23.000 beim Firmenlauf, 250 beim Sozialprotest: Warum die Pulsuhr heute mehr zählt als die Res Publica. Ein kulturkritischer Blick auf unsere Prioritäten.

Wenn die Pulsuhren gegen die Res Publica laufen

Ein Gedankengang über verschobene Prioritäten, simulierte Inklusion, lebensbestimmende Pulsuhren, bequemen Event-Hedonismus und das leise Sterben des Sozialstaats und der Res Publica.

Mich treibt dieser Gedanke schon seit geraumer Zeit um, doch erst nach einem lauen Sommerabend Ende Juli fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Manchmal braucht es keinen theoretischen Vortrag, um den Zustand einer Gesellschaft zu verstehen – manchmal reicht ein einfacher Blick auf zwei Termine im selben Monat und in derselben Stadt. Die Stadt: Heilbronn am Neckar. Es kann wahrscheinlich auch irgendeine andere sein.

Die Demo gegen soziale Einschnitte – Der unbequeme Ernstfall

Bild 1: Das ausgebliebene Momentum

Am 7. Juli. Auf den Straßen Heilbronns versammeln sich Menschen zu einer Demonstration. Es geht um nichts Geringeres als die jüngsten, massiven Reformpläne der Bundesregierung. Einschnitte, die am Fundament des deutschen Sozialstaats rütteln und das soziale Sicherungsversprechen für Millionen Menschen gefährden.

Vor Ort sind vielleicht 200, wenn man großzügig schätzt, 250 Menschen. Ein Häuflein Pflichtbewusster, verloren auf weitem Asphalt. Eine Randnotiz im Alltag der Stadt. Von Passanten schräg beäugt.

11 Tage später, in Stuttgart, sah es etwas besser aus.

Der Firmenlauf – Das Fest der Selbstoptimierung

Bild 2: Das Fest der Selbstoptimierung

Am 30. Juli. Wieder sind die Straßen voll – diesmal aber im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist Firmenlauf. Rund 8.000 Läuferinnen und Läufer schnüren ihre Schuhe für die 6,1 Kilometer lange Strecke. Am Rand klatschen, jubeln und feiern schätzungsweise 15.000 Zuschauer. Es gibt Partymusik, Bratwurst, Bier und beste Laune.

Und die Stadt? Sie versinkt für Stunden im Verkehrschaos. Zentrale Ausfallstraßen sind dicht, Zufahrten abgeriegelt. Tausende Pendler müssen nach einem langen Arbeitstag erhebliche Umwege in Kauf nehmen, um überhaupt nach Hause zu kommen.

Doch das Erstaunliche: Es gibt keinen medialen Aufschrei. Niemand schimpft über „rücksichtslose Nötigung“. Wenn der Feierabend-Hedonismus ruft, werden Blockaden und Staus mit einem verständnisvollen Lächeln toleriert. Wehe jedoch, dieselben Straßen würden von Bürgern blockiert, die für den Erhalt ihrer Rente oder Pflegeversorgung demonstrieren – der gesellschaftliche Zorn wäre sicherlich grenzenlos.

Die Mathematik dahinter: 23.000 zu 250

Lassen wir diese Zahlen kurz sacken. 23.000 Menschen mobilisieren sich mühelos für Feierabend-Sport, Networking und Event-Atmosphäre. Nicht einmal 300 Menschen finden die Zeit und die Energie, wenn es um ihre eigene existenzielle Zukunft und den sozialen Zusammenhalt geht. Die Gemeinschaft. Habe ich es schon Res Publica genannt?

Das ist ein Verhältnis von fast 100 zu 1.

Man kann das als harmlose Freizeitgestaltung abtun. Man kann sagen: „Sport verbindet eben mehr als Politik.“ Doch wer so denkt, verkennt das Symptom einer tief sitzenden gesellschaftlichen Pathologie. Diese Diskrepanz ist kein Zufall – sie ist das Sinnbild eines Landes, das seine Prioritäten grundlegend verschoben hat.

Nein, ich möchte niemandem den Spaß verderben. Spaß ist wichtig und gesundheitsförderlich. Aber … es gibt immer ein aber … Res Publica! … ich lass es mal zwischen den Zeilen resonieren.

Die Schuld dafür liegt allerdings keineswegs allein bei den Bürgern. Die Politik selbst trägt eine erhebliche Mitverantwortung für diesen Zustand. Durch technokratisches Regieren, das Schüren von Spaltungslinien und eine Kultur, in der fundamentale Einschnitte oft geräuschlos durchgeboxt werden, hat sie den Glauben an die echte Gestaltungskraft der Res Publica systematisch ausgehöhlt.

Wo das Gefühl vorherrscht, dass die Stimme auf der Straße nichts mehr bewirkt, wird die politische Apathie zum Selbstschutz. Die Flucht in den unpolitischen Hedonismus ist somit nicht nur Bequemlichkeit. Sie ist auch die Folge eines politischen Systems, das seine Bürger lieber als brave, funktionierende Leistungsträger sieht denn als streitbare Souveräne.

Dreißig Jahre Rückzug – Res Privata und nix Res Publica

Blickt man zurück auf die Entwicklung seit den 1990er-Jahren. Innerhalb der Spanne eines halben Menschenlebens. Dann lässt sich eine schleichende, radikale Transformation beobachten: Deutschland hat sich zu einem Modellland für einen maßlosen, kurzatmigen Hedonismus entwickelt.

Das einstige Versprechen der Solidargemeinschaft: „Wir stehen füreinander ein, wenn das Leben hart wird“ wurde Schritt für Schritt ersetzt durch das Diktat der permanenten Gegenwart. In der Philosophie nennt man das Präsentismus: Eine Kultur, die weder aus der Vergangenheit lernt noch Verantwortung für das Morgen übernimmt, sondern in einer Dauerschleife des unmittelbaren Erlebens feststeckt.

Der Bürger begreift sich immer seltener als politisches Wesen (Zoon politikon), das seine Rechte und sein Gemeinwesen aktiv verteidigen muss. Er versteht sich primär als Konsument seiner eigenen Biografie und als Selbstunternehmer.

  • Die politische Demonstration ist anstrengend. Sie konfrontiert mit Zukunftsängsten, Systemkonflikten und Ohnmacht. Sie liefert kein schnelles Dopamin und keine Medaille im Ziel. Res Publica ist nur ein komisches Fremdwort.
  • Der Firmenlauf hingegen bietet die perfekte Wohlfühl-Illusion: Gesundheit, Team-Spirit, Geselligkeit und das Siegel individueller Leistungsfähigkeit – völlig frei von politischem Risiko.

Es ist das Brot und Zirkusspiele der Spätmoderne: Wir laufen im schicken Funktionsshirt durch die Innenstadt und feiern den Status quo, während im Hintergrund das gesellschaftliche Fundament wegbröckelt. Dahinter steht die fatale, naive Lebenslüge: „Solange ich fit bleibe, funktioniere und Karriere mache, wird es mich schon nicht treffen.“

Laufen, bis der Boden nachgibt

Diese Form des kurzfristigen Denkens ist nicht pragmatisch. Vielleicht sogar blindwütig. Ein Sozialstaat stirbt nicht über Nacht durch ein einzelnes Gesetz. Er stirbt an der chronischen Gleichgültigkeit einer Gesellschaft, die das kollektive Einstehen verlernt hat, weil sie mit Feiern und Laufen beschäftigt ist.

Vielleicht reißt diese Gleichgültigkeit gleich den Rechtsstaat mit sich?

Wenn die Netze der sozialen Sicherung erst einmal zerschnitten sind, wird kein privater Vorsorgevertrag und keine sportliche Fitness diesen Absturz abfedern. Doch bis diese Einsicht schmerzt, läuft die Menge weiter. Bestens gelaunt, perfekt synchronisiert und mit dem Blick starr auf die eigene Pulsuhr gerichtet.

Wo früher die Res Publica stand, regiert heute nicht einmal mehr die schlichte Res Privata – sondern die digitale Res Egotica, in der jeder Kilometer erst dann existiert, wenn er auf diesen Plattformen mit Likes vergoldet wurde.

In „Die Gesellschaft der Singularitäten“ beschreibt Reckwitz, wie das spätmoderne Subjekt ständig darum bemüht ist, das eigene Leben als einzigartiges Kunstwerk zu performen. Eine Wanderung oder ein Lauf ist kein Naturerlebnis mehr, sondern ein erbrachtes „Leistungsprodukt“, das auf Komoot, AllTrails, Runalyze oder Strava hochgeladen werden muss, um soziale Anerkennung zu generieren.

Die Krönung des Zynismus: Simulierte Inklusion als Party-Kulisse

Wer glaubt, das sei schon die ganze Tragödie, muss sich nur das offizielle Leitbild (Mottos) eines solchen Events durchlesen. Dort wird ungeniert mit genau jenen Werten geworben, die man politisch zeitgleich vor die Hunde gehen lässt:

Da ist die Rede von „Wir-Gefühl“, von „sozialem Zusammenhalt“ und – man höre und staune – von „Inklusion und Vielfalt“. Unter dem olympischen Motto „Dabei sein ist alles“ wird suggeriert: Hier ist jeder willkommen, ob sportlich oder Freizeit-Walker.

Dazu garniert man das Ganze mit einem Hauch „Nachhaltigkeit“ im Wertwiesenpark und einer ausgelassenen After-Run-Party im Frankenstadion.

Hier offenbart sich die absolute Scheinheiligkeit unserer Gegenwart:

Während die Bundesregierung Reformen beschließt, die insbesondere Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen und chronischen Einschränkungen die reale Existenzsicherung und Teilhabe beschneiden, feiert sich die mobile Mitte für ihre simulierte „Inklusion“ im 4er-Team.

Echte Solidarität würde bedeuten, für diejenigen auf die Straße zu gehen, die nicht über den Asphalt joggen können und die durch die Zerschlagung sozialer Sicherungsnetze ins Bodenlose stürzen.

Doch die Spätmoderne hat einen bequemeren Weg gefunden: Man ersetzt echte politische Verantwortung durch moralisch aufgeladenes Event-Marketing. Wir feiern „Vielfalt“, solange sie in Sportschuhen daherkommt und das Bier danach kalt bereitsteht. Oder wir feiern „Bunte-Vielfalt-Partys“, wenn sie von oben geduldet und in ebenso scheinheiliger Doppelmoral mitgetragen wird.

Für die wirklich Schwachen aber bleiben am Ende nur zweihundert Demonstranten – und das betretene Schweigen einer durchoptimierten Mehrheit.

Ja, ich weiß: Für die Res Privata läuft es sich eben schmerzfreier als für die Res Publica. Man eckt weder beim jetzigen noch beim potenziellen Chef an. Dabei sollte jedem weitsichtigen Arbeitgeber klar sein, dass sein eigener Erfolg auf dem Fundament einer funktionierenden Res Publica ruht.

Und ja: Das hier ist mein persönlicher Standpunkt. Eine Perspektive unter vielen – aber eine, die aufdröseln will, was hinter den Kulissen unserer Wohlfühl-Events eigentlich passiert. Ich möchte niemanden und nichts direkt verurteilen. Steht mir nicht zu.

Und ich möchte nicht, dass keine mehr zu einem Firmenlauf geht. Oder das es keine Firmenläufe mehr geben darf.

Wir können uns darüber gerne bei ein paar Feierabendbieren oder Kräutertees die Köpfe heißreden. Ganz wie in alten Zeiten.

Und jetzt alle: Res Publica! Res Publica! Res Publica!

Offener Diskurs wie früher, ohne Aufteilung in rechts oder links

Hätte ich eine Pulsuhr getragen, hätte sie beim Schreiben – genau wie mein Gemütszustand – schlichtweg kapituliert. Das entspricht ab jetzt wohl auch erneut meiner Motivation: dem Rückzug in einen isolierten, privaten Hedonismus. Ich bin als leicht misanthropisch und introvertiert veranlagter Mensch sowieso eher schwer zu mobilisieren. Und um sich eine absolute Meinung anmaßen zu können, weiß ich über die Zusammenhänge da draußen schlicht noch zu wenig.

Oder wie wir früher „paroliert“ haben: Piss die Wand an! Ich bin raus.

Ein Gespräch, das nie stattfand – Gesellschaftskritik als philosophischer Dialog

Ein Gespräch, das nie stattfand


Der folgende Text ist ein fiktiver philosophischer Dialog. Er formuliert eine scharfe Gesellschaftskritik und hinterfragt die Illusion der Demokratie, in der sich der moderne Mensch durch Konsum und Erschöpfung selbst betäubt.

(Irgendwo in der Zeit – auch der parallelen – in einem Zimmer mit zu viel Qualm)

Jaspers: Sie haben recht, Anders, dass der Mensch konditioniert wird. Aber ich frage mich: Konditioniert von wem? Die Parteien sind längst keine Muse mehr. Sie sind Apparate. Selbsterhaltungsmaschinen.

Anders: Natürlich. Aber der Apparat braucht keinen Befehl mehr. Das ist das Elegante daran. Der Bürger konditioniert sich selbst. Durch Erschöpfung, durch Konsum, durch die tägliche Betäubung. Die Partei muss gar nichts tun. Sie muss nur das System am Laufen halten.

Jaspers: Und das System belohnt Loyalität, nicht Haltung. Wer in eine Partei eintritt, lernt schnell: Nicht der Klügste steigt auf. Sondern der Gefügigste. Der, der nie unbequem fragt. Der Staat, das sind die Parteien – und die Parteien, das sind die Karrieren.

Anders: Und die Masse? Die schaut zu. Oder besser: Sie schaut fern. Ich habe das Fernsehen immer für gefährlicher gehalten als jede Diktatur. Ein Diktator muss dich zwingen. Der Bildschirm überredet dich freiwillig, nicht nachzudenken.

Jaspers: Wobei die Parteien das verstanden haben. Und auch schon Diktatoren. Sie sprechen nicht mehr zur Vernunft. Sie sprechen zur Angst. Zur Empörung. Zum Bauch. Öffentliche Diskussion, sittliche Verpflichtung. Das sind Begriffe, über die man heute lacht. Oder die man gar nicht mehr kennt.

Anders: Weil man sie nie gelernt hat. Bildung, die zum Nachdenken befähigt, ist gefährlich für jeden, der Macht hat. Also wird sie nicht durch Verbot verhindert, sondern durch Verdrängung. Wer arbeitet, pendelt, Kinder hat und abends erschöpft ist, liest keinen Kant. Er schaut, was man ihm hinstellt.

Karl Jaspers und Günther Anders üben scharfe Gesellschaftskritik.

Jaspers: Und wählt, was man ihm anbietet. Zwei Optionen, sorgfältig kuratiert. Wer außerhalb wählt, gilt als verantwortungslos. Das Volk soll akklamieren und nicht entscheiden. Die Entscheidung ist längst gefallen, bevor der Bürger das Kreuzchen macht.

Anders: Das Perfide ist: Er fühlt sich trotzdem frei. Die Unfreiheit trägt heute keinen Stiefel mehr. Sie trägt einen Wahlzettel.

Jaspers: (nach einer Pause) Und die Politiker wissen das?

Anders: Die Besseren unter ihnen ahnen es. Die Schlechteren – und das sind die Mehrheit – glauben wirklich, sie hätten recht. Das ist fast noch schlimmer. Ein bewusster Lügner kann umkehren. Ein überzeugter Funktionär nicht.

Jaspers: Dann ist die Frage nicht, wie man gegen das System ankommt. Sondern wie man überhaupt noch einen Menschen findet, der außerhalb davon denken kann.

Anders: (trocken) Fragen Sie mich das in sechzig Jahren nochmal.

(Und dann klatscht er sich plötzlich mit der einen Hand an die Stirn, und wedelt mahnend mit dem rechten Zeigefinger der anderen Hand.)

Anders: Und wenn das System sich verirrt hat, wenn das System im Inneren verfault, Jaspers. Wenn das Geld an Wert verliert und die Fabriken stillstehen – dann reicht die Betäubung durch den Bildschirm nicht mehr aus. Dann…

Jaspers: Dann braucht der Apparat ein größeres Feuer. Wenn man den Menschen das Brot nicht mehr geben kann, muss man ihnen einen Feind geben. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Abgrund wird umgeleitet in die Angst vor dem äußeren Aggressor. Das ist die ultimative Konditionierung.

(Die Tür geht auf. Bertolt Brecht lehnt im Rahmen, Zigarre im Mundwinkel, den Blick irgendwo zwischen Mitleid und Belustigung.)

Brecht: Ihr macht euch zu viel Sorgen, verehrte Freunde. Der Politiker braucht das Volk nicht zu täuschen. Das Volk täuscht sich selbst und nennt es Demokratie. Die Partei braucht keine Macht zu sichern. Die Masse sichert sie und nennt es Wahl. Und der Konditionierte? Der ist nicht das Opfer des Systems. Er ist das System. Er trägt es nach Hause, füttert es, bringt es ins Bett – und wundert sich morgens, warum er so müde ist.

Bertolt Brecht im Türrahmen während eines philosophischen Dialogs.

Brecht: (lacht leise durch den Rauch) Und wieso redet ihr immer noch von Idealen? Schaut auf die Bücher der Banken! Lasst uns über Krieg reden. Ein Krieg wird nicht aus Hass geführt, meine Freunde. Er wird geführt, weil man die Trümmer von morgen schon heute an die Börse bringen kann. Die Erde im äußersten Osten Europas ist schwarz und fruchtbar – aber am fruchtbarsten ist sie für die Bilanzen derer, die den Wiederaufbau finanzieren, noch während die Bomben fallen.

Dem Großkapital ist es egal, ob das Volk sein Geld verdient, indem es aus Salatschüsseln Stahlhelme oder aus Stahlhelmen Salatschüsseln macht.

(Er verlagert das Gewicht vom linken auf den rechten Fuß.)

Brecht: Ihr sucht nach großen, finsteren Plänen, wo eigentlich nur die nackte Feigheit sitzt. Ein Krieg, meine Herren, ist selten der Ausbruch von Stärke. Er ist der Offenbarungseid einer Elite, die am Ende ihrer Weisheit ist.

Wenn die Herren im Frack das System so gründlich an die Wand gefahren haben, dass die Kassen leer sind und das Volk hungert, dann werden sie plötzlich sehr gläubig. Dann beten sie um eine Krise von außen. Denn das Schlimmste für einen Staatsmann ist nicht das Blutvergießen – das Schlimmste für ihn ist, sich die Blöße zu geben und zuzugeben: „Ich habe versagt.“

(Er klopft bedächtig die Asche mit dem Zeigefinger ab.)

Brecht: Dafür sind sie zu feige. Ein Banker geht pleite und schämt sich. Ein Politiker geht pleite und zettelt einen Krieg an. Wenn die Fabriken stillstehen, stellt er sie auf Granaten um. Wenn die Inflation die Ersparnisse frisst, deklariert er das Papiergeld zum vaterländischen Opfer. Der Krieg ist die große Waschmaschine des Systems: Da wäscht man den Schmutz der eigenen Unfähigkeit mit dem Blut derer ab, die man vorher schon betrogen hat.

Und das Volk? Das schaut auf die Landkarte statt in die Haushaltsbücher. Sie nennen es Heldenmut, aber es ist nur die Vertuschung einer Bilanzfälschung.

(Er zieht an der Zigarre.)

Brecht: Das Schöne an der Sache ist ja: Es funktioniert so gut, dass man es gar nicht verbergen muss. Man könnte es auf Plakate drucken und niemand würde es glauben.

(Er pafft eine weitere Wolke ins Zimmer.)

Jaspers und Anders schauen sich an.

Stille.

(Aus dem Qualm heraus, niemand hat ihn eintreten hören, eine Stimme – leicht näselnd, unbeirrbar sachlich.)

Habermas: Verzeihung, aber ich kann das nicht unwidersprochen lassen. Sie alle reden von „dem System“, als wäre es ein Subjekt mit Absichten. Das ist bequem, aber falsch. Was Sie beschreiben, ist keine Verschwörung, sondern eine Kolonialisierung der Lebenswelt durch Geld und Macht. Das ist schlimm genug. Aber es ist umkehrbar.

Anders: (müde) Durch was? Durch ein Seminar?

Habermas: Durch Öffentlichkeit. Sie spotten über den Wahlzettel – aber Sie sitzen hier und tun genau das, was Demokratie im Kern ist: Sie tauschen Gründe aus. Der zwanglose Zwang des besseren Arguments funktioniert noch, sonst säßen Sie nicht hier. Ihre Verachtung der Masse, Herr Brecht, ist übrigens dieselbe Geste wie die der Eliten, die Sie anklagen: Beide trauen dem Bürger das Denken nicht zu.

Das verrauchte Zimmer am Ende einer philosophischen Gesellschaftskritik.

Brecht: (aus dem Türrahmen, halb umgedreht) Der Bürger denkt durchaus. Er denkt nur an die Miete.

(Dreht sich um. Verschwindet aus dem Türrahmen, ohne sich nochmal umzudrehen.)

Habermas: Eben. Und deshalb ist die Antwort nicht der Spott von der Tribüne, sondern die Frage, wie man Verhältnisse schafft, in denen er Zeit zum Denken hat. Wer die Demokratie für eine Illusion erklärt, hat sie schon aufgegeben und liefert sie genau denen aus, vor denen er warnt. Skepsis ist Pflicht. Kapitulation ist Verrat.

(Pause. Der Qualm hängt schwerer im Raum.)

Jaspers: (leise) Er hat nicht ganz unrecht.

Anders: Niemand hier hat ganz unrecht. Das ist ja das Problem.

(Die Tür geht ein weiteres Mal auf. Erich Kästner tritt ein, zwei Gin Tonic auf einem Tablett, das Lächeln eines Mannes, der schon alles gesehen hat und trotzdem weitermacht.)

Kästner: Meine Herren. Sie sehen aus, als hätte Ihnen jemand die Wahrheit eiskalt übergegossen und das Zimmer verlassen. (stellt die Gläser ab) Das ist bei Brecht normal. Nicht persönlich nehmen.

(Er zieht sich einen Stuhl heran und stellt das Tablett auf den Tisch.)

Kästner: Ich sage Ihnen was: Er hat recht. Natürlich hat er recht. Er hat immer recht, der Kerl, und es nützt nichts, und er weiß es, und deshalb geht er raus. Raus, bevor es richtig wehtut.

(Er hebt ein Glas.)

Kästner: Aber ich bin jetzt hier. Und ich sage Ihnen: Druckt es auf Plakate. Wirklich. Hängt es an jede Litfaßsäule. Schreibt es auf Bierdeckel, auf Schulhefte, auf die Rückseite von Wahlzetteln, auf Taschentücher und Klopapier. Nicht weil es hilft. Sondern weil es das Mindeste ist, was ein anständiger Mensch tun kann – die Wahrheit sagen, auch wenn sie niemand hören will.

(Er trinkt.)

Kästner: Ich hab mein Leben lang Gedichte geschrieben, die jeder kannte und niemand ernst nahm. Trotzdem hab ich weitergeschrieben. Wissen Sie warum?

(kurze Pause)

Kästner: Weil Schweigen das einzige ist, was sie wirklich wollen.

(Er lehnt sich zurück, dreht das andere Glas in der Hand, schaut zur Tür, durch die Brecht gegangen ist.)

Kästner: Der Brecht hat die große Geste. Ich hab den langen Atem. Beides braucht man.

(Er prostet den beiden zu und trinkt.)

Kästner: Also, meine Herren – auf die Plakate. Und auf die Hoffnung, dass irgendein müder Mensch auf dem Weg zur Arbeit stehenbleibt, liest – und für einen Moment aufhört zu funktionieren. Bevor der kleine Mann aufhört zu pendeln. Bevor er anfängt zu marschieren. Bevor er auf dem Wahlzettel sein Todesurteil unterschreibt und glaubt, er verteidigt die Freiheit – während im Hintergrund die Verträge für die Privatisierung seiner Heimat – und die anderer – bereits unterzeichnet sind.

Erich Kästner brachte Drinks im verrauchten Zimmer der Gesellschaftskritik.

(Er verlässt den Raum, das Tablett mit den leeren Gläsern in der Hand.)

Jaspers und Anders sagen nichts.

Niemand sagt etwas.

Und es ist eine andere Stille als vorher.

Freud würde sich kurz die Brille zurechtrücken, die Zigarre aus dem Mund nehmen – und sagen:

„Interessanter Fall. Der Mann betritt einen Raum voller Verzweiflung und greift zuerst zum Glas. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil er weiß: Was er gleich sagen wird, kostet ihn etwas. Der Alkohol ist keine Schwäche. Er ist die Vorbereitung.

Beachten Sie die Struktur: Er gibt den anderen Mut – aber trinkt selbst. Er predigt den langen Atem – aber braucht sofortige Betäubung. Das ist kein Widerspruch. Das ist ein Mensch, der die Wahrheit kennt, sie trotzdem ausspricht und genau deshalb trinkt.

Der Konditionierte greift zum Glas, um nicht zu denken. Kästner greift zum Glas, weil er zu viel denkt.

Sigmund Freud analysiert die Psychologie hinter der Illusion der Demokratie.

Das ist der Unterschied zwischen Flucht und Haltung.

Und dass er die leeren Gläser wieder mitnimmt? … (kurze Pause) … Er hinterlässt keine Spuren seiner Schwäche. Er räumt sie selbst weg. Ein stolzer Mann. Ein trauriger Mann. Wahrscheinlich ein sehr einsamer Mann.

Aber einer, der trotzdem wiederkommt. Immer wieder."

Und dann würde Freud die Zigarre wieder in den Mund nehmen und schweigen.

(In der Ecke des Zimmers, die der Qualm fast vollständig verschluckt hat, sitzt ein Mann an einem kleinen Tisch. Niemand hatte ihn bemerkt. Er schreibt. Schon die ganze Zeit.)

(Er hebt den Kopf. Schaut in die Runde. Räuspert sich.)

Kant: (leise, fast verlegen) Entschuldigen Sie die Störung. Ich wollte nur kurz anmerken – (blickt auf sein Manuskript, dann wieder hoch) – dass ich durchaus gelesen werde. Hin und wieder. Und gelegentlich auch… verstanden.

Immanuel Kant schreibt am Manuskript im philosophischen Dialog.

(Stille.)

(Er senkt den Blick wieder auf sein Manuskript und schreibt weiter.)

Niemand fragt, was er schreibt. Niemand wird es je fragen.

Und das Zimmer ist nur noch Rauch.


Das war die erweiterte Version dieser Version.

Monatsreigen – ein digitaler Rückblick auf den Mai 2026

Bezaubernder Monatsreigen #53+1

Da reihen sie sich also am Anfang und am Ende aneinander an, die Erlebnisse, und vergehen im Kreis, eines hinter dem anderen, und keines weiß, ob es vor einem oder hinter einem anderen war. Reigen nennt man das, und es ist harmonisch: jedes Ereignis tritt dem nächsten in dieselbe Spur, in der schon das Vorige getreten war, und nach drei Runden spricht man von einem Monat.

Die kleinen Ereignisse hüpfen, die größeren schreiten, und alle singen denselben Refrain, weil sich das so gehört.

Man dreht eine Runde, dann noch eine, und am Ende steht man wieder dort, wo man startete – nur dass diesmal ein paar Kilometer mehr unter den Rädern liegen, ein paar Schritte mehr in den Schuhen und ein paar Bilder mehr im Kopf. Und das nenn ich Monatsreigen … öööh…

…den digitalen Rückblick, mit ein paar Sprungmarken:

Oder den Reigen ab hier gemütlich nach unten scrollen.

1. Mai 2026 – Wanderung bei Unterheinriet
1. Mai 2026 – Wanderung bei Unterheinriet

Eine kleine Wanderung bei Unterheinriet.

Weiterlesen