Neulich landete bei der Arbeit wieder so eine Datei in meinem Postfach: ein Info-Flyer, auf dem mein Kunde betont, wie wichtig ihm die persönliche Beratung ist. Gestaltet hatte ihn eine KI. Das sah ich sofort, an diesem glatten, austauschbaren Stil, der einem gerade überall begegnet, vom Kosmetikstudio über die Autowerkstatt bis zur Stadtverwaltung. Wahrscheinlich wisst ihr, was ich meine.
Dazu die Bitte: „Davon brauche ich 1.000 Flyer in DIN A5, hinten wie immer unsere Kontaktseite.“
Also kurz drüberschauen: Das Logo ist verzerrt, für den Beschnitt ist kein Platz, und mit der CI des Kunden hat das Ganze nichts zu tun. Die Rückseite dagegen schon: Die haben wir über Jahre in digitaler Handarbeit entwickelt und schon oft mit anderen Vorderseiten kombiniert. Die passten dann aber auch dazu.
Im ersten Moment habe ich mich richtig geärgert. Im zweiten ist mir eingefallen, dass ich dieses Gefühl kenne. Nicht erst seit gestern, sondern seit 1990, seit meinem ersten Tag in diesem Beruf. Dazu muss ich kurz ausholen.
Manche Monate brauchen keine langen Gedanken. Der September war so einer. Zwischen Urlaubsvertretungen und Projekten blieb wenig Luft – und genau die habe ich mir auf dem Rad geholt, meistens auf Radtouren am Neckar. Weinberge bei Lauffen, Gassen in Besigheim, Eisvögel am Fluss, eine alte Linde in Kirchhausen und zum Ende das Kloster Maulbronn. Lauter kleine Urlaube, direkt vor der Haustür.
„Drei Denker und die Schule der Zukunft“ ist die Fortsetzung des fiktiven Streitgesprächs zwischen Adam Weishaupt, Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau. Immer noch in der selben Taverne. Dieses Mal ist das Thema Bildung, Erziehung und Mündigkeit.
Hinweis: Dieses Gespräch ist immer noch fiktiv. Und zwar vollständig. Das Thema zieht sich ebenso durch die Zeit. Die Figuren orientieren sich an den überlieferten philosophischen Positionen der drei Denker, haben dieses Gespräch aber nie geführt.
Ort: Dieselbe Taverne Zeit: Später am Abend Personen: Adam Weishaupt, Immanuel Kant, Jean-Jacques Rousseau (das Aussehen der Personen wurde aufgrund künstlerischer Freiheit etwas angepasst; filmreif eben)
Kant nimmt einen Schluck Wein und hebt den Zeigefinger.
Kant: „Die Schule muss den Menschen zur Mündigkeit erziehen. Er soll lernen, selbst zu denken, nicht nur auswendig zu lernen.“
Weishaupt lächelt.
Weishaupt: „Eine schöne Idee, Kant. Und doch überlassen wir die Erziehung allzu oft den Pfaffen und Fürsten. Deren Interesse ist nicht immer Aufklärung, sondern Gehorsam.“
Er beugt sich nach vorne.
Weishaupt: „Wir brauchen eine Bildung, die Mut macht. Eine Bildung, die Menschen lehrt, Autoritäten zu hinterfragen.“
Rousseau schüttelt den Kopf.
Rousseau: „Ihr wollt also Kinder mit euren Ideen formen, Adam? Ich sage: Lasst die Kinder in Ruhe! Erziehung muss natürlich sein, im Einklang mit ihrer Entwicklung und ihrer Erfahrung.“
Kant: „Der Mensch ist ein Wesen, das erzogen werden muss. Ohne Anleitung bleibt seine Freiheit unfertig.“
Rousseau: „Und mit zu viel Anleitung wird sie zerstört.“
Kant hebt eine Augenbraue.
Weishaupt: „Vielleicht liegt unser Fehler darin, dass wir Bildung mit Gehorsam verwechseln.“
Er deutet auf die Tür der Taverne.
Weishaupt: „Draußen lernen Menschen, was sie denken sollen. In der Schule sollten sie lernen, wie sie denken.“
Kant: „Das kommt meiner Vorstellung von Mündigkeit durchaus nahe.“
Rousseau: „Solange ihr ihnen dabei nicht jeden Gedanken vorschreibt.“
Weishaupt: „Dann sind wir uns vielleicht schon näher, als ich dachte.“
Der Streit verschärft sich
Kant: „Aber ohne Disziplin wird aus Freiheit schnell Willkür.“
Rousseau: „Und ohne Freiheit wird aus Disziplin Unterwerfung.“
Weishaupt: „Und ohne Aufklärung wird aus beidem Manipulation.“
Die drei schweigen.
Der Wirt blickt kurz von seinem Tresen herüber.
Kant: „Vielleicht braucht eine gute Schule drei Dinge: Disziplin, Freiheit und Vernunft.“
Rousseau: „Ich würde die Natur hinzufügen.“
Weishaupt: „Und die Fähigkeit, Autoritäten zu misstrauen.“
Kant: „Auch der Autorität des Lehrers?“
Weishaupt grinst.
Weishaupt: „Vor allem dieser.“
Rousseau lacht.
Kant schüttelt den Kopf.
Kant: „Das wird eine anstrengende Schule.“
Die Kerze ist fast heruntergebrannt.
Der Wirt beginnt, die Gläser einzusammeln.
Rousseau: „Vielleicht sollte die erste Lektion einer jeden Schule lauten: Denke selbst.“
Kant: „Und die zweite: Prüfe, ob dein Denken vernünftig ist.“
Weishaupt: „Und die dritte: Frage dich, wer dir beigebracht hat, was du denken sollst.“
Die drei sehen einander an.
Zum ersten Mal an diesem Abend widerspricht keiner.
[Schon wieder?]
Kant alleine im Strudel der Selbstzweifel.
Kant: „Wird jemals jemand fragen, was ich geschrieben habe?“
Hinweis: Dieses Gespräch ist vollständig fiktiv. Das Thema zieht sich allerdings durch alle Zeiten. Die Figuren orientieren sich an den überlieferten philosophischen Positionen der drei Denker, haben dieses Gespräch aber nie geführt.
Ort: Eine holzverkleidete Gaststube irgendwo in Europa Zeit: Um 1790 Personen: Adam Weishaupt, Immanuel Kant, Jean-Jacques Rousseau (das Aussehen der Personen wurde aufgrund künstlerischer Freiheit etwas angepasst; filmreif eben)
Rousseau: „Der Mensch war einst frei … und doch sehe ich überall nur Ketten. Ihr wollt ihn mit euren Systemen bessern, doch was, wenn gerade diese Systeme ihn verderben?“
Kant setzt die Brille ab und betrachtet Rousseau ruhig.
Kant: „Freiheit ist nicht das Fehlen von Regeln, Rousseau. Sie liegt in der Fähigkeit, sich selbst ein Gesetz zu geben – das moralische Gesetz in mir, das durch Vernunft erkannt wird.“
Weishaupt lehnt sich zurück.
Weishaupt: „Ach, meine Herren. Ihr philosophiert im Elfenbeinturm. Ich aber habe versucht, die Vernunft in Bewegung zu setzen. Nicht nur denken – handeln! Der Orden der Illuminaten war ein Werkzeug, um das Gute in die Welt zu bringen.“
Rousseau: „Ein Werkzeug? Ihr habt Menschen in Ränge gesteckt und Symbole benutzt wie eine Religion. Ihr ersetzt doch nur ein System durch ein anderes!“
Kant: „Ein Geheimbund, Herr Weishaupt, der moralisch handeln will, aber sich der Öffentlichkeit entzieht – das ist ein Widerspruch. Moral braucht Transparenz. Die Maxime deines Handelns muss ein allgemeines Gesetz werden können.“
Weishaupt: „Und was, wenn das allgemeine Gesetz zu dumm ist, das Wahre zu erkennen? Die Aufklärung braucht Schutz vor der Masse – vor Dogmatikern und Tyrannen.“
Rousseau schlägt mit der Hand auf den Tisch.
Rousseau: „Ihr haltet euch für die Elite, für die Erleuchteten. Aber die wahre Weisheit liegt im Herzen des einfachen Menschen – bevor ihr ihn verbildet!“
Kant bleibt ruhig.
Kant: „Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen: Freiheit braucht Vernunft, aber auch Herz.“
Eine lange Pause entsteht.
Die Kerzen flackern. Der Wein ist fast leer.
Die drei Männer bleiben uneins – aber keiner verlässt den Tisch.
Vielleicht besteht Erkenntnis nicht darin, den anderen zum Schweigen zu bringen.
Vielleicht besteht sie darin, den Widerspruch auszuhalten.
Der unsichtbare Schornstein: Warum eine Zigarette mehr Feinstaub erzeugt als ein Dieselmotor
Wer an einem sonnigen Nachmittag im Straßencafé sitzt, hört das Rauschen des Stadtverkehrs. Ferne Stimmen. Kinder, die freudig kreischen und zwischen geparkten Autos spielen. Lauscht neugierig der Streiterei zwischen Passanten und schnellen, rücksichtslosen Radfahrern. Vernimmt das grausliche Hupen der E-Scooter, die noch rücksichtsloser dazwischenschießen. Bekommt ungefragt die privaten Gespräche seiner Tischnachbarn mit, und weiß nicht, ob er dadurch aufgefordert ist, seine Meinung zu Problemen der Telefonierenden zu äußern. Bekommt lautstark mit, wie sich jemand anders durch eine Masse an Kurzvideos doom-scrollt. Sieht und hört Autos beschleunigen. Einen Roller, der waghalsig Slalom fährt. Sieht einen Lieferwagen, der in zweiter Reihe hält, Auspuffgase steigen auf. Was die meisten für den größten Luftverschmutzer des Moments halten, rollt und rast vorbei.
Doch die eigentliche Schadstoffbombe brennt oft nur zwei Meter weiter – am Nachbartisch, friedlich zwischen zwei Fingern.
Das war mir so deutlich nicht bewusst, bevor ich über den Schlagabtausch zwischen einem Dieselfahrzeug und drei Zigaretten las. Vermutet hatte ich es.
Diese Studie war der Auslöser für diesen Text – aber sie ist nur der Anfang der Rechnung. Die Details und Fakten, auf die ich dabei gestoßen bin, waren schier unglaublich.