23.000 beim Firmenlauf, 250 beim Sozialprotest: Warum die Pulsuhr heute mehr zählt als die Res Publica. Ein kulturkritischer Blick auf unsere Prioritäten.

Wenn die Pulsuhren gegen die Res Publica laufen

Ein Gedankengang über verschobene Prioritäten, simulierte Inklusion, lebensbestimmende Pulsuhren, bequemen Event-Hedonismus und das leise Sterben des Sozialstaats und der Res Publica.

Mich treibt dieser Gedanke schon seit geraumer Zeit um, doch erst nach einem lauen Sommerabend Ende Juli fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Manchmal braucht es keinen theoretischen Vortrag, um den Zustand einer Gesellschaft zu verstehen – manchmal reicht ein einfacher Blick auf zwei Termine im selben Monat und in derselben Stadt. Die Stadt: Heilbronn am Neckar. Es kann wahrscheinlich auch irgendeine andere sein.

Die Demo gegen soziale Einschnitte – Der unbequeme Ernstfall

Bild 1: Das ausgebliebene Momentum

Am 7. Juli. Auf den Straßen Heilbronns versammeln sich Menschen zu einer Demonstration. Es geht um nichts Geringeres als die jüngsten, massiven Reformpläne der Bundesregierung. Einschnitte, die am Fundament des deutschen Sozialstaats rütteln und das soziale Sicherungsversprechen für Millionen Menschen gefährden.

Vor Ort sind vielleicht 200, wenn man großzügig schätzt, 250 Menschen. Ein Häuflein Pflichtbewusster, verloren auf weitem Asphalt. Eine Randnotiz im Alltag der Stadt. Von Passanten schräg beäugt.

11 Tage später, in Stuttgart, sah es etwas besser aus.

Der Firmenlauf – Das Fest der Selbstoptimierung

Bild 2: Das Fest der Selbstoptimierung

Am 30. Juli. Wieder sind die Straßen voll – diesmal aber im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist Firmenlauf. Rund 8.000 Läuferinnen und Läufer schnüren ihre Schuhe für die 6,1 Kilometer lange Strecke. Am Rand klatschen, jubeln und feiern schätzungsweise 15.000 Zuschauer. Es gibt Partymusik, Bratwurst, Bier und beste Laune.

Und die Stadt? Sie versinkt für Stunden im Verkehrschaos. Zentrale Ausfallstraßen sind dicht, Zufahrten abgeriegelt. Tausende Pendler müssen nach einem langen Arbeitstag erhebliche Umwege in Kauf nehmen, um überhaupt nach Hause zu kommen.

Doch das Erstaunliche: Es gibt keinen medialen Aufschrei. Niemand schimpft über „rücksichtslose Nötigung“. Wenn der Feierabend-Hedonismus ruft, werden Blockaden und Staus mit einem verständnisvollen Lächeln toleriert. Wehe jedoch, dieselben Straßen würden von Bürgern blockiert, die für den Erhalt ihrer Rente oder Pflegeversorgung demonstrieren – der gesellschaftliche Zorn wäre sicherlich grenzenlos.

Die Mathematik dahinter: 23.000 zu 250

Lassen wir diese Zahlen kurz sacken. 23.000 Menschen mobilisieren sich mühelos für Feierabend-Sport, Networking und Event-Atmosphäre. Nicht einmal 300 Menschen finden die Zeit und die Energie, wenn es um ihre eigene existenzielle Zukunft und den sozialen Zusammenhalt geht. Die Gemeinschaft. Habe ich es schon Res Publica genannt?

Das ist ein Verhältnis von fast 100 zu 1.

Man kann das als harmlose Freizeitgestaltung abtun. Man kann sagen: „Sport verbindet eben mehr als Politik.“ Doch wer so denkt, verkennt das Symptom einer tief sitzenden gesellschaftlichen Pathologie. Diese Diskrepanz ist kein Zufall – sie ist das Sinnbild eines Landes, das seine Prioritäten grundlegend verschoben hat.

Nein, ich möchte niemandem den Spaß verderben. Spaß ist wichtig und gesundheitsförderlich. Aber … es gibt immer ein aber … Res Publica! … ich lass es mal zwischen den Zeilen resonieren.

Die Schuld dafür liegt allerdings keineswegs allein bei den Bürgern. Die Politik selbst trägt eine erhebliche Mitverantwortung für diesen Zustand. Durch technokratisches Regieren, das Schüren von Spaltungslinien und eine Kultur, in der fundamentale Einschnitte oft geräuschlos durchgeboxt werden, hat sie den Glauben an die echte Gestaltungskraft der Res Publica systematisch ausgehöhlt.

Wo das Gefühl vorherrscht, dass die Stimme auf der Straße nichts mehr bewirkt, wird die politische Apathie zum Selbstschutz. Die Flucht in den unpolitischen Hedonismus ist somit nicht nur Bequemlichkeit. Sie ist auch die Folge eines politischen Systems, das seine Bürger lieber als brave, funktionierende Leistungsträger sieht denn als streitbare Souveräne.

Dreißig Jahre Rückzug – Res Privata und nix Res Publica

Blickt man zurück auf die Entwicklung seit den 1990er-Jahren. Innerhalb der Spanne eines halben Menschenlebens. Dann lässt sich eine schleichende, radikale Transformation beobachten: Deutschland hat sich zu einem Modellland für einen maßlosen, kurzatmigen Hedonismus entwickelt.

Das einstige Versprechen der Solidargemeinschaft: „Wir stehen füreinander ein, wenn das Leben hart wird“ wurde Schritt für Schritt ersetzt durch das Diktat der permanenten Gegenwart. In der Philosophie nennt man das Präsentismus: Eine Kultur, die weder aus der Vergangenheit lernt noch Verantwortung für das Morgen übernimmt, sondern in einer Dauerschleife des unmittelbaren Erlebens feststeckt.

Der Bürger begreift sich immer seltener als politisches Wesen (Zoon politikon), das seine Rechte und sein Gemeinwesen aktiv verteidigen muss. Er versteht sich primär als Konsument seiner eigenen Biografie und als Selbstunternehmer.

  • Die politische Demonstration ist anstrengend. Sie konfrontiert mit Zukunftsängsten, Systemkonflikten und Ohnmacht. Sie liefert kein schnelles Dopamin und keine Medaille im Ziel. Res Publica ist nur ein komisches Fremdwort.
  • Der Firmenlauf hingegen bietet die perfekte Wohlfühl-Illusion: Gesundheit, Team-Spirit, Geselligkeit und das Siegel individueller Leistungsfähigkeit – völlig frei von politischem Risiko.

Es ist das Brot und Zirkusspiele der Spätmoderne: Wir laufen im schicken Funktionsshirt durch die Innenstadt und feiern den Status quo, während im Hintergrund das gesellschaftliche Fundament wegbröckelt. Dahinter steht die fatale, naive Lebenslüge: „Solange ich fit bleibe, funktioniere und Karriere mache, wird es mich schon nicht treffen.“

Laufen, bis der Boden nachgibt

Diese Form des kurzfristigen Denkens ist nicht pragmatisch. Vielleicht sogar blindwütig. Ein Sozialstaat stirbt nicht über Nacht durch ein einzelnes Gesetz. Er stirbt an der chronischen Gleichgültigkeit einer Gesellschaft, die das kollektive Einstehen verlernt hat, weil sie mit Feiern und Laufen beschäftigt ist.

Vielleicht reißt diese Gleichgültigkeit gleich den Rechtsstaat mit sich?

Wenn die Netze der sozialen Sicherung erst einmal zerschnitten sind, wird kein privater Vorsorgevertrag und keine sportliche Fitness diesen Absturz abfedern. Doch bis diese Einsicht schmerzt, läuft die Menge weiter. Bestens gelaunt, perfekt synchronisiert und mit dem Blick starr auf die eigene Pulsuhr gerichtet.

Wo früher die Res Publica stand, regiert heute nicht einmal mehr die schlichte Res Privata – sondern die digitale Res Egotica, in der jeder Kilometer erst dann existiert, wenn er auf diesen Plattformen mit Likes vergoldet wurde.

In „Die Gesellschaft der Singularitäten“ beschreibt Reckwitz, wie das spätmoderne Subjekt ständig darum bemüht ist, das eigene Leben als einzigartiges Kunstwerk zu performen. Eine Wanderung oder ein Lauf ist kein Naturerlebnis mehr, sondern ein erbrachtes „Leistungsprodukt“, das auf Komoot, AllTrails, Runalyze oder Strava hochgeladen werden muss, um soziale Anerkennung zu generieren.

Die Krönung des Zynismus: Simulierte Inklusion als Party-Kulisse

Wer glaubt, das sei schon die ganze Tragödie, muss sich nur das offizielle Leitbild (Mottos) eines solchen Events durchlesen. Dort wird ungeniert mit genau jenen Werten geworben, die man politisch zeitgleich vor die Hunde gehen lässt:

Da ist die Rede von „Wir-Gefühl“, von „sozialem Zusammenhalt“ und – man höre und staune – von „Inklusion und Vielfalt“. Unter dem olympischen Motto „Dabei sein ist alles“ wird suggeriert: Hier ist jeder willkommen, ob sportlich oder Freizeit-Walker.

Dazu garniert man das Ganze mit einem Hauch „Nachhaltigkeit“ im Wertwiesenpark und einer ausgelassenen After-Run-Party im Frankenstadion.

Hier offenbart sich die absolute Scheinheiligkeit unserer Gegenwart:

Während die Bundesregierung Reformen beschließt, die insbesondere Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen und chronischen Einschränkungen die reale Existenzsicherung und Teilhabe beschneiden, feiert sich die mobile Mitte für ihre simulierte „Inklusion“ im 4er-Team.

Echte Solidarität würde bedeuten, für diejenigen auf die Straße zu gehen, die nicht über den Asphalt joggen können und die durch die Zerschlagung sozialer Sicherungsnetze ins Bodenlose stürzen.

Doch die Spätmoderne hat einen bequemeren Weg gefunden: Man ersetzt echte politische Verantwortung durch moralisch aufgeladenes Event-Marketing. Wir feiern „Vielfalt“, solange sie in Sportschuhen daherkommt und das Bier danach kalt bereitsteht. Oder wir feiern „Bunte-Vielfalt-Partys“, wenn sie von oben geduldet und in ebenso scheinheiliger Doppelmoral mitgetragen wird.

Für die wirklich Schwachen aber bleiben am Ende nur zweihundert Demonstranten – und das betretene Schweigen einer durchoptimierten Mehrheit.

Ja, ich weiß: Für die Res Privata läuft es sich eben schmerzfreier als für die Res Publica. Man eckt weder beim jetzigen noch beim potenziellen Chef an. Dabei sollte jedem weitsichtigen Arbeitgeber klar sein, dass sein eigener Erfolg auf dem Fundament einer funktionierenden Res Publica ruht.

Und ja: Das hier ist mein persönlicher Standpunkt. Eine Perspektive unter vielen – aber eine, die aufdröseln will, was hinter den Kulissen unserer Wohlfühl-Events eigentlich passiert. Ich möchte niemanden und nichts direkt verurteilen. Steht mir nicht zu.

Und ich möchte nicht, dass keine mehr zu einem Firmenlauf geht. Oder das es keine Firmenläufe mehr geben darf.

Wir können uns darüber gerne bei ein paar Feierabendbieren oder Kräutertees die Köpfe heißreden. Ganz wie in alten Zeiten.

Und jetzt alle: Res Publica! Res Publica! Res Publica!

Offener Diskurs wie früher, ohne Aufteilung in rechts oder links

Hätte ich eine Pulsuhr getragen, hätte sie beim Schreiben – genau wie mein Gemütszustand – schlichtweg kapituliert. Das entspricht ab jetzt wohl auch erneut meiner Motivation: dem Rückzug in einen isolierten, privaten Hedonismus. Ich bin als leicht misanthropisch und introvertiert veranlagter Mensch sowieso eher schwer zu mobilisieren. Und um sich eine absolute Meinung anmaßen zu können, weiß ich über die Zusammenhänge da draußen schlicht noch zu wenig.

Oder wie wir früher „paroliert“ haben: Piss die Wand an! Ich bin raus.

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