Der folgende Text ist ein fiktiver philosophischer Dialog. Er formuliert eine scharfe Gesellschaftskritik und hinterfragt die Illusion der Demokratie, in der sich der moderne Mensch durch Konsum und Erschöpfung selbst betäubt.
(Irgendwo in der Zeit – auch der parallelen – in einem Zimmer mit zu viel Qualm)
Jaspers: Sie haben recht, Anders, dass der Mensch konditioniert wird. Aber ich frage mich: Konditioniert von wem? Die Parteien sind längst keine Muse mehr. Sie sind Apparate. Selbsterhaltungsmaschinen.
Anders: Natürlich. Aber der Apparat braucht keinen Befehl mehr. Das ist das Elegante daran. Der Bürger konditioniert sich selbst. Durch Erschöpfung, durch Konsum, durch die tägliche Betäubung. Die Partei muss gar nichts tun. Sie muss nur das System am Laufen halten.
Jaspers: Und das System belohnt Loyalität, nicht Haltung. Wer in eine Partei eintritt, lernt schnell: Nicht der Klügste steigt auf. Sondern der Gefügigste. Der, der nie unbequem fragt. Der Staat, das sind die Parteien – und die Parteien, das sind die Karrieren.
Anders: Und die Masse? Die schaut zu. Oder besser: Sie schaut fern. Ich habe das Fernsehen immer für gefährlicher gehalten als jede Diktatur. Ein Diktator muss dich zwingen. Der Bildschirm überredet dich freiwillig, nicht nachzudenken.
Jaspers: Wobei die Parteien das verstanden haben. Und auch schon Diktatoren. Sie sprechen nicht mehr zur Vernunft. Sie sprechen zur Angst. Zur Empörung. Zum Bauch. Öffentliche Diskussion, sittliche Verpflichtung. Das sind Begriffe, über die man heute lacht. Oder die man gar nicht mehr kennt.
Anders: Weil man sie nie gelernt hat. Bildung, die zum Nachdenken befähigt, ist gefährlich für jeden, der Macht hat. Also wird sie nicht durch Verbot verhindert, sondern durch Verdrängung. Wer arbeitet, pendelt, Kinder hat und abends erschöpft ist, liest keinen Kant. Er schaut, was man ihm hinstellt.

Jaspers: Und wählt, was man ihm anbietet. Zwei Optionen, sorgfältig kuratiert. Wer außerhalb wählt, gilt als verantwortungslos. Das Volk soll akklamieren und nicht entscheiden. Die Entscheidung ist längst gefallen, bevor der Bürger das Kreuzchen macht.
Anders: Das Perfide ist: Er fühlt sich trotzdem frei. Die Unfreiheit trägt heute keinen Stiefel mehr. Sie trägt einen Wahlzettel.
Jaspers: (nach einer Pause) Und die Politiker wissen das?
Anders: Die Besseren unter ihnen ahnen es. Die Schlechteren – und das sind die Mehrheit – glauben wirklich, sie hätten recht. Das ist fast noch schlimmer. Ein bewusster Lügner kann umkehren. Ein überzeugter Funktionär nicht.
Jaspers: Dann ist die Frage nicht, wie man gegen das System ankommt. Sondern wie man überhaupt noch einen Menschen findet, der außerhalb davon denken kann.
Anders: (trocken) Fragen Sie mich das in sechzig Jahren nochmal.
(Und dann klatscht er sich plötzlich mit der einen Hand an die Stirn, und wedelt mahnend mit dem rechten Zeigefinger der anderen Hand.)
Anders: Und wenn das System sich verirrt hat, wenn das System im Inneren verfault, Jaspers. Wenn das Geld an Wert verliert und die Fabriken stillstehen – dann reicht die Betäubung durch den Bildschirm nicht mehr aus. Dann…
Jaspers: Dann braucht der Apparat ein größeres Feuer. Wenn man den Menschen das Brot nicht mehr geben kann, muss man ihnen einen Feind geben. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Abgrund wird umgeleitet in die Angst vor dem äußeren Aggressor. Das ist die ultimative Konditionierung.
(Die Tür geht auf. Bertolt Brecht lehnt im Rahmen, Zigarre im Mundwinkel, den Blick irgendwo zwischen Mitleid und Belustigung.)
Brecht: Ihr macht euch zu viel Sorgen, verehrte Freunde. Der Politiker braucht das Volk nicht zu täuschen. Das Volk täuscht sich selbst und nennt es Demokratie. Die Partei braucht keine Macht zu sichern. Die Masse sichert sie und nennt es Wahl. Und der Konditionierte? Der ist nicht das Opfer des Systems. Er ist das System. Er trägt es nach Hause, füttert es, bringt es ins Bett – und wundert sich morgens, warum er so müde ist.

Brecht: (lacht leise durch den Rauch) Und wieso redet ihr immer noch von Idealen? Schaut auf die Bücher der Banken! Lasst uns über Krieg reden. Ein Krieg wird nicht aus Hass geführt, meine Freunde. Er wird geführt, weil man die Trümmer von morgen schon heute an die Börse bringen kann. Die Erde im äußersten Osten Europas ist schwarz und fruchtbar – aber am fruchtbarsten ist sie für die Bilanzen derer, die den Wiederaufbau finanzieren, noch während die Bomben fallen.
Dem Großkapital ist es egal, ob das Volk sein Geld verdient, indem es aus Salatschüsseln Stahlhelme oder aus Stahlhelmen Salatschüsseln macht.
(Er verlagert das Gewicht vom linken auf den rechten Fuß.)
Brecht: Ihr sucht nach großen, finsteren Plänen, wo eigentlich nur die nackte Feigheit sitzt. Ein Krieg, meine Herren, ist selten der Ausbruch von Stärke. Er ist der Offenbarungseid einer Elite, die am Ende ihrer Weisheit ist.
Wenn die Herren im Frack das System so gründlich an die Wand gefahren haben, dass die Kassen leer sind und das Volk hungert, dann werden sie plötzlich sehr gläubig. Dann beten sie um eine Krise von außen. Denn das Schlimmste für einen Staatsmann ist nicht das Blutvergießen – das Schlimmste für ihn ist, sich die Blöße zu geben und zuzugeben: „Ich habe versagt.“
(Er klopft bedächtig die Asche mit dem Zeigefinger ab.)
Brecht: Dafür sind sie zu feige. Ein Banker geht pleite und schämt sich. Ein Politiker geht pleite und zettelt einen Krieg an. Wenn die Fabriken stillstehen, stellt er sie auf Granaten um. Wenn die Inflation die Ersparnisse frisst, deklariert er das Papiergeld zum vaterländischen Opfer. Der Krieg ist die große Waschmaschine des Systems: Da wäscht man den Schmutz der eigenen Unfähigkeit mit dem Blut derer ab, die man vorher schon betrogen hat.
Und das Volk? Das schaut auf die Landkarte statt in die Haushaltsbücher. Sie nennen es Heldenmut, aber es ist nur die Vertuschung einer Bilanzfälschung.
(Er zieht an der Zigarre.)
Brecht: Das Schöne an der Sache ist ja: Es funktioniert so gut, dass man es gar nicht verbergen muss. Man könnte es auf Plakate drucken und niemand würde es glauben.
(Er pafft eine weitere Wolke ins Zimmer.)
Jaspers und Anders schauen sich an.
Stille.
(Aus dem Qualm heraus, niemand hat ihn eintreten hören, eine Stimme – leicht näselnd, unbeirrbar sachlich.)
Habermas: Verzeihung, aber ich kann das nicht unwidersprochen lassen. Sie alle reden von „dem System“, als wäre es ein Subjekt mit Absichten. Das ist bequem, aber falsch. Was Sie beschreiben, ist keine Verschwörung, sondern eine Kolonialisierung der Lebenswelt durch Geld und Macht. Das ist schlimm genug. Aber es ist umkehrbar.
Anders: (müde) Durch was? Durch ein Seminar?
Habermas: Durch Öffentlichkeit. Sie spotten über den Wahlzettel – aber Sie sitzen hier und tun genau das, was Demokratie im Kern ist: Sie tauschen Gründe aus. Der zwanglose Zwang des besseren Arguments funktioniert noch, sonst säßen Sie nicht hier. Ihre Verachtung der Masse, Herr Brecht, ist übrigens dieselbe Geste wie die der Eliten, die Sie anklagen: Beide trauen dem Bürger das Denken nicht zu.

Brecht: (aus dem Türrahmen, halb umgedreht) Der Bürger denkt durchaus. Er denkt nur an die Miete.
(Dreht sich um. Verschwindet aus dem Türrahmen, ohne sich nochmal umzudrehen.)
Habermas: Eben. Und deshalb ist die Antwort nicht der Spott von der Tribüne, sondern die Frage, wie man Verhältnisse schafft, in denen er Zeit zum Denken hat. Wer die Demokratie für eine Illusion erklärt, hat sie schon aufgegeben und liefert sie genau denen aus, vor denen er warnt. Skepsis ist Pflicht. Kapitulation ist Verrat.
(Pause. Der Qualm hängt schwerer im Raum.)
Jaspers: (leise) Er hat nicht ganz unrecht.
Anders: Niemand hier hat ganz unrecht. Das ist ja das Problem.
(Die Tür geht ein weiteres Mal auf. Erich Kästner tritt ein, zwei Gin Tonic auf einem Tablett, das Lächeln eines Mannes, der schon alles gesehen hat und trotzdem weitermacht.)
Kästner: Meine Herren. Sie sehen aus, als hätte Ihnen jemand die Wahrheit eiskalt übergegossen und das Zimmer verlassen. (stellt die Gläser ab) Das ist bei Brecht normal. Nicht persönlich nehmen.
(Er zieht sich einen Stuhl heran und stellt das Tablett auf den Tisch.)
Kästner: Ich sage Ihnen was: Er hat recht. Natürlich hat er recht. Er hat immer recht, der Kerl, und es nützt nichts, und er weiß es, und deshalb geht er raus. Raus, bevor es richtig wehtut.
(Er hebt ein Glas.)
Kästner: Aber ich bin jetzt hier. Und ich sage Ihnen: Druckt es auf Plakate. Wirklich. Hängt es an jede Litfaßsäule. Schreibt es auf Bierdeckel, auf Schulhefte, auf die Rückseite von Wahlzetteln, auf Taschentücher und Klopapier. Nicht weil es hilft. Sondern weil es das Mindeste ist, was ein anständiger Mensch tun kann – die Wahrheit sagen, auch wenn sie niemand hören will.
(Er trinkt.)
Kästner: Ich hab mein Leben lang Gedichte geschrieben, die jeder kannte und niemand ernst nahm. Trotzdem hab ich weitergeschrieben. Wissen Sie warum?
(kurze Pause)
Kästner: Weil Schweigen das einzige ist, was sie wirklich wollen.
(Er lehnt sich zurück, dreht das andere Glas in der Hand, schaut zur Tür, durch die Brecht gegangen ist.)
Kästner: Der Brecht hat die große Geste. Ich hab den langen Atem. Beides braucht man.
(Er prostet den beiden zu und trinkt.)
Kästner: Also, meine Herren – auf die Plakate. Und auf die Hoffnung, dass irgendein müder Mensch auf dem Weg zur Arbeit stehenbleibt, liest – und für einen Moment aufhört zu funktionieren. Bevor der kleine Mann aufhört zu pendeln. Bevor er anfängt zu marschieren. Bevor er auf dem Wahlzettel sein Todesurteil unterschreibt und glaubt, er verteidigt die Freiheit – während im Hintergrund die Verträge für die Privatisierung seiner Heimat – und die anderer – bereits unterzeichnet sind.

(Er verlässt den Raum, das Tablett mit den leeren Gläsern in der Hand.)
Jaspers und Anders sagen nichts.
Niemand sagt etwas.
Und es ist eine andere Stille als vorher.
Freud würde sich kurz die Brille zurechtrücken, die Zigarre aus dem Mund nehmen – und sagen:
„Interessanter Fall. Der Mann betritt einen Raum voller Verzweiflung und greift zuerst zum Glas. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil er weiß: Was er gleich sagen wird, kostet ihn etwas. Der Alkohol ist keine Schwäche. Er ist die Vorbereitung.
Beachten Sie die Struktur: Er gibt den anderen Mut – aber trinkt selbst. Er predigt den langen Atem – aber braucht sofortige Betäubung. Das ist kein Widerspruch. Das ist ein Mensch, der die Wahrheit kennt, sie trotzdem ausspricht und genau deshalb trinkt.
Der Konditionierte greift zum Glas, um nicht zu denken. Kästner greift zum Glas, weil er zu viel denkt.

Das ist der Unterschied zwischen Flucht und Haltung.
Und dass er die leeren Gläser wieder mitnimmt? … (kurze Pause) … Er hinterlässt keine Spuren seiner Schwäche. Er räumt sie selbst weg. Ein stolzer Mann. Ein trauriger Mann. Wahrscheinlich ein sehr einsamer Mann.
Aber einer, der trotzdem wiederkommt. Immer wieder."
Und dann würde Freud die Zigarre wieder in den Mund nehmen und schweigen.
(In der Ecke des Zimmers, die der Qualm fast vollständig verschluckt hat, sitzt ein Mann an einem kleinen Tisch. Niemand hatte ihn bemerkt. Er schreibt. Schon die ganze Zeit.)
(Er hebt den Kopf. Schaut in die Runde. Räuspert sich.)
Kant: (leise, fast verlegen) Entschuldigen Sie die Störung. Ich wollte nur kurz anmerken – (blickt auf sein Manuskript, dann wieder hoch) – dass ich durchaus gelesen werde. Hin und wieder. Und gelegentlich auch… verstanden.

(Stille.)
(Er senkt den Blick wieder auf sein Manuskript und schreibt weiter.)
Niemand fragt, was er schreibt. Niemand wird es je fragen.
Und das Zimmer ist nur noch Rauch.
Das war die erweiterte Version dieser Version.